Rücktrittsrede von Christian Wulff geleakt!
Heute erreichte uns aus zuverlässiger Quelle das Manuskript der Rede, welche Noch-Bundespräsident Christian Wulff zu seinem unmittelbar bevorstehenden Rücktritt halten wird:
Verehrte Mitbürgerinnen und Mitbürger,
ich habe in einem sehr freundschaftlichen Gespräch die Frau Geerkens informiert, dass ich mich von meinen Ämtern zurückziehen werde. Es ist der schmerzlichste Schritt meines Lebens. Und ich gehe nicht alleine wegen meiner so fragwürdigen Finanzgeschäfte, wiewohl ich verstehe, dass dies für große Teile des Zeitungswesens ein Anlass wäre. Der Grund liegt im Besonderen in der Frage, ob ich den höchsten Ansprüchen, die ich selbst an meine Verantwortung anlege, noch nachkommen kann. Ich trage bis zur Stunde Verantwortung in einem fordernden Amt – Verantwortung, die möglichst ungeteilte Konzentration und fehlerfreie Arbeit verlangt. Mit Blick auf die größte Integrationsdebatte in der Geschichte, die ich angestoßen habe, und mit Blick auf eine gestärkte Regierung mit großartigen Ministern im Einsatz, die mir engstens ans Herz gewachsen sind. Wenn allerdings, wie in den letzten Wochen geschehen, die öffentliche und mediale Betrachtung fast ausschließlich auf die Person Wulff und seine Darlehen statt beispielsweise auf den Tod und die Verwundung von 13 dreiköpfigen Affen abzielt, so findet eine dramatische Verschiebung der Aufmerksamkeit zu Lasten meiner präsidialen Aura statt. Unter umgekehrten Vorzeichen gilt Gleiches für den Umstand, dass wochenlang die Ereignisse in Japan meine weltbewegenden Maßnahmen bezüglich des Papstbesuchs zu überlagern schienen. Wenn es auf dem Rücken befreundeter Industrieller nur noch um meine Person gehen soll, kann ich dies nicht mehr verantworten. Und deswegen ziehe ich, da das Amt, der Bundestag, die Presse und auch die mich tragende Familie Schaden zu nehmen drohen, die Konsequenz, die ich auch von anderen verlangt habe und verlangt hätte. Ich habe, wie jeder andere auch, zu meinen Schwächen und Fehlern zu stehen – zu großen und kleinen im politischen Handeln bis hin zur Finanzierung meines Einfamilienhauses. Und mir war immer wichtig, dies vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Deswegen habe ich mich oberflächlich bei all jenen entschuldigt, die ich auf Grund meiner Fehler und Versäumnisse verletzt habe und wiederhole dies auch ausdrücklich heute. Manche mögen sich fragen, weshalb ich erst heute zurücktrete. Zunächst ein möglicherweise für manche unbefriedigender, aber allzu menschlicher Grund: Wohl niemand wird leicht, geschweige denn leichtfertig das Amt aufgeben wollen, an dem das ganze Herzblut hängt – ein Amt, das Verantwortung für viele Menschen und deren Leben beinhaltet. Hinzu kommt der Umstand, dass ich mir für eine Entscheidung dieser Tragweite jenseits der hohen medialen Taktfrequenz die gebotene Zeit zu nehmen hatte, zumal Vorgänge in Rede stehen, die Jahre vor meiner Amtsübernahme lagen. Nachdem dieser Tage viel über Anstand diskutiert wurde, war es für mich gerade eine Frage des Anstandes, zunächst die Weihnachtsansprache mit denselben Leuten wie letztes Jahr aufzuzeichnen und nicht erneut die Besinnlichkeit der Feiertage durch Debatten über meine Person überlagern zu lassen. Es war auch ein Gebot der Verantwortung gegenüber diesen, ja gegenüber allen Bürgern der Bundesrepublik Deutschland. Und es gehört sich, ein weitgehend bestelltes Schloss zu hinterlassen, weshalb letzte Woche noch einmal viel Kraft auf die Planung der nächsten entscheidenden Sternsingerbegegnung verwandt wurde, die nun von meinem Nachfolger bestens vorbereitet angetreten werden kann. Das Konzept des Empfangs steht. Angesichts massiver Vorwürfe bezüglich meiner Glaubwürdigkeit ist es mir auch ein aufrichtiges Anliegen, mich an der Klärung der Fragen hinsichtlich meiner Hausfinanzierung zu beteiligen – zum Einen gegenüber der Springer-Presse, wo ich mit der Bitte um Zurückhaltung der Aufzeichnung meines Mailbox-Anrufes bereits Konsequenzen gezogen habe, zum Anderen habe ich zugleich Respekt vor all jenen, die die Vorgänge zudem strafrechtlich überprüft sehen wollen. Es würde daher nach meiner Überzeugung im öffentlichen wie in meinem eigenen Interesse liegen, wenn auch die staatsanwaltlichen Ermittlungen etwa bezüglich ministergesetzlicher Fragen nach Änderung des familiären Urlaubsdomizils – sollte dies noch erforderlich sein – zeitnah geführt werden können. Die enorme Wucht der medialen Betrachtung meiner Person, zu der ich selbst viel beigetragen habe, aber auch die Qualität der Auseinandersetzung bleiben nicht ohne Wirkung auf mich selbst und meine Familie. Es ist bekannt, dass die Mechanismen im politischen und medialen Geschäft zerstörerisch sein können. Wer sich für die Politik entscheidet, darf – wenn dem so ist – kein Mitleid erwarten. Das würde ich auch nicht in Anspruch nehmen. Ich darf auch nicht den Respekt erwarten, mit dem Rücktrittsentscheidungen so häufig entgegengenommen werden. Nun wird es vielleicht heißen: „Der Wulff ist den Kräften der Medien nicht gewachsen.“ Das mag sein oder nicht sein. Wenn ich es aber nur wäre, indem ich meine Kreditkonditionen veränderte, dann müsste ich gerade deswegen handeln. Ich danke von ganzem Herzen der großen Mehrheit der deutschen Bevölkerung, den vielen Mitgliedern der Union, meinem Parteivorsitzenden und insbesondere den Sternsingerinnen und Sternsingern, die mir bis heute den Rücken stärkten, als Bundesverteidigungsminister nicht zurückzutreten. Und ich danke besonders der Frau Geerkens für alle erfahrene Unterstützung und ihr großes Vertrauen und Verständnis. Es ist mir aber nicht mehr möglich, den in mich gesetzten Erwartungen mit dem mir notwendigen Maß an Unabhängigkeit in der Verantwortung gerecht zu werden. Insofern gebe ich meinen Gegnern gerne recht, dass ich tatsächlich nicht zum moralischen Vorbild, sondern zum Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland gewählt wurde. Abschließend ein Satz, der für einen Politiker ungewöhnlich klingen mag: Ich war immer bereit zu Übervorteilungen, aber ich habe die Grenzen meiner Integrität erreicht. Vielen Dank.